06.09.2007: Überraschende Vielfalt in Porzellan

Museum Schloss Homburg zeigt Ausstellung über Dieringhausener Porzellan-Manufaktur Spitzer: „Art déco aus der Provinz“

Oberbergischer Kreis. Sie ist ein ebenso ungewöhnliches wie herausragendes Beispiel wirtschaftlichen und kulturellen Lebens im Oberbergischen: die Porzellan-Manufaktur Spitzer in Gummersbach-Dieringhausen. Fernab der traditionsreichen Zentren der deutschen Porzellanindustrie veredelte das Unternehmen an der Agger in den 20er- und 30er-Jahren des vorigen Jahrhunderts Porzellan. Die Bandbreite dieses Dekor-Betriebes war erstaunlich, sie reichte von der Verzierung einfacher Services, die in der Regel bedruckt wurden, bis hin zur künstlerisch gestalteten Bemalung von Einzelstücken im Stil des Art déco. Dabei können sich die herausragenden Objekte durchaus mit Erzeugnissen aus wesentlich bekannteren Betrieben wie Hutschenreuther oder Rosenthal messen.

Foto v.l.: Bürgermeister Bernd Hombach, Museumsdirektorin Dr. Gudrun Sievers-Flägel, Volker Dick, Nadine Kriwoplas und Michael Welp präsentieren Porzellan der Firma Spitzer. (Foto: OBK)

Bürgermeister Bernd Hombach, Vorsitzender des Fördervereins Schloss
Homburg, Museumsdirektorin Dr. Gudrun Sievers-Flägel, Volker Dick und Nadine
Kriwoplas, die in der Vergangenheit der Firma Spitzer geforscht haben, und
Michael Welp von der Druckerei Welp (v.l.), freuen sich auf viele Besucher
in der Ausstellung. (Foto: Oberbergischer Kreis)

Wie nah die Porzellan-Manufaktur Spitzer am Puls der Zeit arbeitete und aus der Provinz heraus hochwertige Produkte vertrieb, davon können sich Besucherinnen und Besucher einer Ausstellung nun selbst überzeugen: Unter dem Titel „Art déco aus der Provinz“ zeigt das Museum Schloss Homburg vom 8. September bis zum 4. November rund 250 Exponate. Einfaches Gebrauchsgeschirr mit traditionellem Blumenmuster ist ebenso zu sehen wie Vasen, Teller und Deckeldosen in zeitgenössisch-modernem Stil. Zudem informiert die Ausstellung über die Geschichte des Unternehmens, soweit sie sich rekonstruieren ließ.

Malersaal in der Porzellan-Manufaktur Spitzer. (Foto: Museum Schloss Homburg)

Malersaal in der Porzellan-Manufaktur Spitzer.
(Foto: Museum Schloss Homburg)

Museumsdirektorin Dr. Gudrun Sievers-Flägel betont den hohen Stellenwert des Projekts, nicht nur für das Museum, sondern bundesweit: „Die Geschichte solch reiner Dekor-Betriebe, wie Spitzer einer war, ist in Deutschland wenig erforscht“, berichtet sie, „insofern mussten wir Pionierarbeit leisten.“ Zwei Jahre Vorbereitungszeit waren erforderlich, mehr als 2000 Teile wurden begutachtet und dokumentiert, intensive Recherchen betrieben. Es galt, die verschiedenen Porzellanobjekte in einen kulturhistorischen und ästhetischen Zusammenhang zu bringen und die Unternehmensgeschichte zu erforschen – wobei Geschäftsunterlagen oder Archivalien leider kaum erhalten sind.

 Das Bild des Drachentöters wurde zur Mark der Porzellan-Manufaktur Spitzer. (Foto: Museum Schloss Homburg)

Das Bild des Drachentöters wurde zur Marke der Porzellan-Manufaktur Spitzer.
(Foto: Museum Schloss Homburg)

Die Arbeit hat sich gelohnt, unterstreicht Gudrun Sievers-Flägel: „Ausstellung und der dazu erscheinende umfangreiche Katalog setzen Maßstäbe, was die Beschäftigung mit Spitzer-Porzellan im Einzelnen und der Arbeit eines Dekor-Betriebs im Allgemeinen angeht.“ Die Exponate zeigen Anleihen vom Rokoko bis zum Kubismus, es sind traditionelle wie avantgardistische Stücke darunter, historisierend anmutende Teile ebenso wie zeittypische Exponate. Ob komplette Geschirre mit Bandmustern oder exklusive handbemalte Einzelobjekte, für alle gilt: Nur mit Hilfe eines Sammlerehepaars sowie weiterer zahlreicher privater und öffentlicher Leihgeber kann auf Schloss Homburg eine solche Vielfalt präsentiert werden.
Damit die detaillierte Forschungsarbeit überhaupt realisierbar war, musste zudem manche finanzielle Anstrengung bewältigt werden. Entsprechende Unterstützung leisteten der Förderverein Schloss Homburg, die Kulturstiftung Oberberg der Kreissparkasse Köln sowie der Oberbergische Kreis als Museumsträger. Das Geld ist nachhaltig angelegt, findet Museumsdirektorin Sievers-Flägel: Ähnlich wie vor 15 Jahren der Katalog zur Ausstellung über bergische Uhren, besitzt auch das Buch über die Porzellan-Manufaktur Spitzer das Zeug zum Standardwerk. Einrichtungen wie das Museum für Angewandte Kunst in Köln und das Düsseldorfer Hetjens-Museum haben jedenfalls schon jetzt lebhaftes Interesse an der Arbeit der Ausstellungsmacher und Katalogautoren signalisiert.

Von Hand bemalte Mokkatassen. (Foto: Museum Schloss Homburg)

Von Hand bemalte Mokkatassen
(Foto: Museum Schloss Homburg)

Für Gudrun Sievers-Flägel bestätigt sich mit den über Spitzer gesammelten Erkenntnissen wieder einmal eines ihrer Lieblingszitate von Joachim Ringelnatz: „Provinz steckt im Kopf, nicht in der Region ...“

Museum Schloss Homburg:
„Art déco in der Provinz.
Die Porzellan-Manufaktur Spitzer Dieringhausen 1920er- und 1930er-Jahre“
Laufzeit: 8. September bis 4. November 2007
Öffnungszeiten: dienstags bis samstags von 10 bis 17 Uhr
sonn- und feiertags von 10 bis 18 Uhr
montags geschlossen
Zur Ausstellung erscheint ein 128 Seiten umfassender großformatiger Katalog, Preis: 15 Euro

Weitere Informationen:
Telefon 0 22 93/91 01-0 (Dr. Gudrun Sievers-Flägel)



Letzte Änderung: 06. September 2007